Aus Liebe zur Natur

Interview mit Dr. Peter Pratje, Projektleiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt

Peter Pratje bei der Ausbildung von Orang Utans

In einem Regenwaldgebiet im Herzen Sumatras hat sich der Wildtierbiologe entschieden, eine der bedrohtesten Tierarten zu retten: den Sumatra-Orang-Utan.

Durch die zunehmende Nachfrage nach so genanntem Biosprit oder Palmöl für die Lebensmittelindustrie, wurden in Indonesien bereits weite Teile des Regenwalds für Monokulturen gerodet. Allein auf Sumatra sind bereits ca. 80% des ursprünglichen Waldes verschwunden. Menschen wie Dr. Peter Pratje ist es zu verdanken, dass es für die wenigen letzten Paradiese dieser Erde noch Hoffnung gibt.

Ein Gespräch über Durchhaltevermögen, Leidenschaft und erfüllte Kindheitsträume.

Manuela & Carsten: Kannst du uns über deinen Background erzählen? Weshalb Tiere, weshalb Sumatra, weshalb die Zoologische Gesellschaft Frankfurt?
Peter Pratje:
Professionell im Naturschutz zu arbeiten, hat bei mir direkt nach dem Studium angefangen. Ich habe in Hannover Biologie studiert und bin dann nach München, da es hier den Studiengang Wildtierbiologie gab, ausgerichtet auf angewandte Arbeit in Nationalparks. Das war genau das, was ich machen wollte.
Ich bin dann 3 Monate nach Borneo gegangen und habe ein kleines Projekt gefunden, wo die lokale Forstbehörde Orang Utans auswildern wollte, aber unter grausamen Haltungsbedingungen. Das war der erste Kontakt zu Schutzprojekten vor Ort. Ich habe mich dann erkundigt wie man gegen so schlechte Auswilderungsbedingungen protestieren kann. Über mein Netzwerk habe ich erfahren, dass von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt ein Projektantrag für die Auswilderung von Orang Utans gestellt wurde. Ich habe mich mit den Antragstellern geeinigt und bin 1998 das erste Mal professionell nach Indonesien gegangen, um eine Machbarkeitsstudie für dieses Projekt zu erstellen.

M&C: Was hat dich bei der Arbeit mit den Tieren vor Ort immer am meisten fasziniert?
PP: Erst einmal die Tiere selbst. Tiere, die man nicht sehen kann haben ein besonderes Charisma. Was mich aber am meisten fasziniert hat, ist etwas im großen Stil zu tun. Der Gestaltungspielraum in entwickelnden Ländern ist sehr viel größer, da es noch größere Wälder und Naturlandschaften gibt, die nicht geschützt sind. In Deutschland sind die Räume mittlerweile extrem eng, Naturparks sind hier nicht mehr als grössere Gärten.
Meine Motivation war, irgendetwas Nachhaltiges zu machen, das Sinn gibt und irgendwie weiterführt, über mein Leben hinaus.

M&C: Manchmal ist das Leben hier auch ein Opfer, wenn man es mit dem Luxus in Deutschland vergleicht. Und trotzdem hast du dich für hier entschieden. Warum?
PP:
Die Motivation, die mich antreibt, ist etwas verändern zu können. Auch als Einzelperson. Normalerweise steht man vor den großen globalen Problemen ohnmächtig da und denkt, es geht immer nur über die ganz große Politik und das ganz große Geld. Es ist aber tatsächlich so, dass man als Einzelperson im kleinen Rahmen einen großen Unterschied machen und viel verändern kann!
Dieses Projekt habe ich als Einzelperson vor 10 Jahren klein angefangen, und ich bin nach wie vor der einzige Ausländer hier. Mittlerweile haben wir zwei Auswilderungsstationen, eigene Wildhütereinheiten und eine mobile Bildungseinheit. Das Projekt ist kontinuierlich gewachsen.
Mit der entsprechenden Vision und der entsprechenden Motivation ist alles möglich.

M&C: Was sind die Probleme, vor denen deine Arbeit und der Nationalpark Bukit Tigipuluh hier stehen?
PP:
Es ist gar nicht nur der Nationalpark, sondern die Pufferzone außen herum. Indonesien ist nach wie vor ein Land mit steigendem Bevölkerungswachstum. Auch hier werden langsam die Räume eng. Das Land ist stark im Entwickeln, es wird im Moment viel Land für industrielle Plantagen beansprucht, hauptsächlich Palmölplantagen. Das ist hier auf Sumatra das Hauptproblem. Es sind hier bereits 70-80% der ursprünglichen Bewaldung verschwunden. Der Tieflandregenwald, der leicht zu erschließen ist, ist für industrielle Operationen extrem wichtig, er ist aber auch der Lebensraum für die Arten, die wir schützen wollen. Der Elefant, der Tiger und der Orang Utan kommen eben nur im Tieflandregenwald vor.
Es gibt einen ganz massiven Konflikt zwischen den Ansprüchen der Industrie und den Hoffnungen der Tierschützer, charismatische Arten am Leben zu erhalten.

M&C: Was sind die Folgen der Abrodung hier?
PP:
Aus der Sicht der Tierarten der komplette Verlust des Lebensraums. Arten, die auf den Tieflandregenwald spezialisiert sind sterben aus und die Biodiversität geht verloren.
Das Abroden hat auch Einfluss auf die lokale Bevölkerung. Das Wasser wird nicht mehr natürlich gereinigt, das Trinkwasser wird knapp und Bodenerosionen kommen dazu.  Durch Erdrutsche wird in Indonesien sehr viel Infrastruktur zerstört und Menschen werden dadurch getötet.
Im Zusammenhang mit der CO2 Diskussion hat das global zur Folge, dass Luft nicht mehr gereinigt, Kohlenstoff nicht mehr in den Wäldern gebunden und weniger Sauerstoff erzeugt wird.
Wir haben hier auf Sumatra ca. 5000 Baumarten, in Deutschland sind es etwa 50. Nur um einen Vergleich zu geben wie artenreich so ein Jahrtausende alter Wald ist. Auch die ganzen Pflanzen gehen verloren, die möglicherweise die Lösung für die Medizin von morgen sind.

M&C: Wenn die Auswirkungen für die lokale Bevölkerung so offensichtlich sind, weshalb wehrt sich hier niemand gegen die Zerstörung?
PP:
Das Problem ist, wir haben hier keinen Sozialstaat, es gibt kein Arbeitslosengeld. Die Leute in der ländlichen Region leben nach wie vor von der Hand in den Mund. Der Wald stellt für diese Menschen erst einmal ungenutztes Land dar, und es werden eben nicht die mittelfristigen Folgen gesehen, die die Entwaldung haben kann. Es wird nicht über klares Wasser und saubere Luft von morgen nachgedacht, sondern es müssen erst einmal die täglichen Probleme für diese Leute gelöst werden.
Der einfachste Weg ist, in den Wald zu gehen und ein paar Bäume zu holzen oder das Feld durch Rodung etwas zu erweitern. Es ist hier extrem einfach, Land zu nehmen, Bäume zu fällen. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt und angeklagt zu werden, ist sehr gering, der ganze Rechtsapparat steht hier noch auf tönernen Füßen.

M&C: Was für eine Rolle spielt die indonesische Regierung beim Schutz von Wäldern?
PP:
1998 wurde das Soeharto Regime abgelöst, damit ist Indonesien auf dem Weg zur Demokratie. Wir sind in einer Übergangsphase und viele Mechanismen, die vorher funktioniert haben, sind jetzt am Aufweichen. Früher wurde zentral in Jakarta entschieden und der Rest musste folgen, heute wird auf Bezirksebene entschieden und die Lokalpolitik folgt nicht immer unbedingt der nationalen Politik. Jakarta ist weit weg, die Umsetzung von Gesetzen hier vor Ort ist ziemlich schwierig.
Es ist gerade vom Präsidenten Susilo Bambang gesagt worden, dass 26% der Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2020 verringert werden sollen. Das ist sehr ambitioniert und das Statement des Präsidenten verändert noch nicht viel. Die wirkliche Umsetzung verlangt einen effizienten Apparat, und der ist im Moment noch nicht so wie er sein sollte.

M&C: Wie hängt die Nachfrage in den westlichen Ländern und immer mehr auch in China damit zusammen, dass hier die Wälder zerstört werden?
PP:
Es sind die Ölpalmprodukte. Aus den Fetten der Ölpalmfrüchte kann man Schokoladen, Bratfette, Farben oder Schmiermittel machen. Es ist ein Riesenmarkt dafür vorhanden.
Indonesien ist die größte ölpalmproduzierende Nation der Welt und insbesondere die Überlegung, im großen Stile Biotreibstoffe auf Ölpalmbasis zu verwenden, ist eine der treibenden Kräfte, weshalb hier entwaldet wird.
Das Problem ist, dass die Plantagen nach wie vor auf Kosten von Naturwäldern angelegt werden, da laufen internationale Naturschutzverbände Amok. Unser Argument ist, es gibt hier soviel gestörten Wald oder verwaiste Flächen wo Plantagen angelegt werden könnten.  Da entsteht nun ein großes Spannungsfeld zwischen den Hoffnungen des Naturschutzes und den Bemühungen, hier nationales Einkommen zu produzieren.

M&C: Was muss getan werden, um den Nationalpark zu schützen?
PP:
Der wichtigste Ansatz im Moment ist, den Wald um den Nationalpark zu schützen. Diese Wälder sind ein ökologischer Puffer, in dem alle Probleme abgefangen werden sollen, die wir im Park nicht haben wollen: Illegaler Holzeinschlag, das Anlegen von Feldern und Wilderei.
Wir müssen irgendwo einen ökonomischen Ausgleich bieten. Es müssen für die Lokalbevölkerung Arbeitsplätze geschaffen werden, so dass es eine Alternative zum Anlegen von Feldern gibt. Im Moment gehen unsere Bemühungen dahin, Menschen aus der Pufferzone direkt in das Projekt mit einzubinden, alternative Einkommensformen zu schaffen, so dass das nicht nur kleine Pilotprojekte bleiben.

M&C: Bestimmte Flächen hier werden als sogenannte Konzessionen von Unternehmen beansprucht. Was bedeutet das?
PP:
Ein Problem ist, dass alle Wälder irgendwie genutzt sind, als Produktionsfläche oder Schutzgebiet, und wir haben wenig Hoffnung, dass neue Großschutzgebiete angelegt oder die bestehenden ausgeweitet werden sollen. Wir müssen uns also überlegen, welche Alternativen es in diesen Nutzwäldern gibt um zu verhindern, dass diese entwaldet und zu Plantagen umgebrochen werden. Ein rechtliches Instrument sind Konzessionen für Wiederaufforstung, sogenannte “Eco-System-Restauration”, wo sich Naturschutzorganisationen - konkurrierend zur Industrie - um das Management dieser Konzession bewerben können. Dann wird die Konzession mit Hilfe der Lokalbevölkerung aufgeforstet, die natürliche Verjüngung gefördert und von einer Naturschutzorganisation verwaltet. Das ist im Moment das einzig realistische und legale Instrument. Wir würden die lokale Bevölkerung dafür gewinnen können, den Wald vor der eigenen Haustüre wieder aufzuforsten, zu pflegen und zu schützen.

M&C: Was können die Menschen auch von zuhause aus in unseren Industrienationen tun?
PP:
Sie können ihr Konsumentenverhalten ändern, indem sie Produkte von Firmen, die nicht nachhaltig arbeiten, einfach nicht kaufen. So dass über längere Zeit nur noch Firmen am Markt bestehen können, die nachhaltig arbeiten. Über den Markt zu gehen, dauert natürlich sehr lange, bis etwas passiert dauert das oft Jahre.
Was man auch machen kann, ist konkrete Projekte vor Ort zu unterstützen, also Organisationen, die sich für solche Konzessionen bewerben. Für diese Konzessionen können dann Landpatenschaften ausgewiesen werden. Hier kann man für ein Jahr oder für einen Hektar, je nach dem wieviel Geld man anlegen möchte, die Patenschaft für solch eine Aufforstung übernehmen.

M&C: Welche Rolle spielen die Regierungen der Industrienationen beim Naturschutz hier, welchen Einfluß könnten sie nehmen?
PP:
Natürlich ist der Einfluss der Industrienationen potentiell sehr groß, z.B. müsste die deutsche Regierung darauf drängen, dass es nicht nur zu Lippenbekenntnissen kommt, sondern dass der Schutz von Wald, wie er von den Politikern hier versprochen wird, auch wirklich umgesetzt wird. Wenn das Weltklima gerettet werden muss, die Industrienationen aber diejenigen sind, die die Umwelt primär verschmutzen, insbesondere über das letzte Jahrhundert gesehen, dann muss eben auch Hilfe von diesen Ländern kommen. Die Entwicklungshilfe, die dann zum Klimaschutz wird, muss in Länder investiert werden, die noch viel natürliche Wälder haben.

M&C: Gibt es etwas, was du dir von deinen Landsleuten als Unterstützung wünschen würdest?
PP:
Die Unterstützung, die ich mir wünsche, ist natürlich für mein Projekt hier vor Ort und dass die Gelder, die wir brauchen, auch wirklich kommen. Damit steht und fällt die Hoffnung für Tiger, Elefanten und Orang Utans.
Wenn das Geld kommt, haben wir hier trotz der schwierigen Lage große Hoffnung und große Möglichkeiten, in einem kurzen Zeitraum etwas zu bewegen und weiter große Flächen in Indonesien zu schützen.

M&C: Was bedeutet für dich ganz persönlich die Arbeit in und mit der Natur?
PP:
Um meine Batterien wieder aufzuladen, gehe ich immer sehr gerne wieder zurück zu meinen Ursprüngen, also an die Auwilderungsstationen, die ich vor 10 Jahren aufgebaut habe. Da ein paar Tage zu verbringen, ist natürlich immer etwas ganz besonderes. Einmal, weil es ein Privileg ist, mit Orang Utans arbeiten zu können, einer ganz außergewöhnlichen Tierart. Aber auch die Ruhe des Waldes zu haben und in einem natürlichen Regenwald, der noch unverbraucht und unzerstört ist, spazierengehen zu können, ist schon etwas ganz außergewöhnliches.

Es ist ein Kindheitstraum, der für mich wahr geworden ist und den ich immer wiederholen kann. Bei Träumen kann man nur darauf hofffen, dass sie wieder kommen. Ich kann mit meinem Wagen meinen Traum erreichen und in einem Regenwald auf Sumatra meine Zeit verbringen. Das ist wirklich außergewöhnlich. Das ist mein Lebenstraum, den ich mir habe verwirklichen können.

M&C: Was war dein schönstes Erlebnis hier?
PP:
Die Auswilderung des ersten Orang Utans, worauf ich jahrelang hingearbeitet habe. Ein Schlüsselerlebnis war, als der erste Orang Utan geboren wurde, und wenige Tage nach der Geburt die Mutter zurück an die Station kam und wir das Jungtier gesehen haben. Das hat uns symbolisiert, dass das Projekt weitergeht und dass Orang Utans aus der Population, die wir hier angesiedelt haben, geboren werden.

M&C: Was macht dir Hoffnung?
PP:
Wie gesagt, die Symbolik, wenn Tiere geboren werden, was immer ein Hoffnungschimmer ist.
Weiterhin die Tatsache, dass das Projekt vor Ort komplett mit Einheimischen läuft und dass es nicht ein importiertes Projekt ist, in dem man qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland für kurze Zeit einsetzt und dann das ganze Projekt zusammenbricht an dem Tag, an dem die Ausländer wieder abreisen. Also gemeinsam hier mit den Einheimischen gemeinsame Ziele zu verfolgen und umzusetzen ist das, was mir Hoffnung macht. Dass es nicht nur eine Idee von mir ist, die für kurze Zeit hier lebt und dann verschwindet, sondern dass es eine Initialzündung war, die sich selbst am Leben erhält und erhalten bleibt.

M&C: Was möchtest du unseren Zuschauern und Lesern zum Schluß noch mit auf den Weg geben?
PP:
Meine Erkenntnis, dass man als einzelne Person sehr viel bewirken kann, wenn man wirklich etwas bewirken will.  Es sind einem nicht die Hände gebunden, sei es nun durch die Arbeit vor Ort, wie ich es mache oder sei es nur durch eine einfache Spende.

Wichtig ist immer der erste Schritt! Es ist nicht das große Ziel, das ist immer weit weg, sondern es ist wichtig, überhaupt einmal aufzustehen und irgendetwas zu tun.

Das Interview wurde am 28. Januar 2010 in Jambi auf Sumatra geführt.

Kommentare

Kommentar von Sarah | 2012-Mä-30

Das Video ist echt gut, auch wenn manche Stellen etwas langweilig sind, ist es trotzdem voll gut.(Also der Inhalt )

Kommentar von Susanne Werth | 2013-Aug-21

Ich habe das Interview nur überflogen, weil es ziemlich lang ist. Aber ich denke, es kommen sicher die Punkte vor, die wichtig und interessant sind. Ich bin selber auf der Suche nach Antworten auf die Frage: Was können wir hier (in der Schweiz z.B.) konkret tun? Ist es nicht alles ein Tropfen auf den heissen Stein? Der Grossausverkauf findet statt, nicht nur bei den Wäldern. Viele (betrübte) Grüsse von Susanne W.

Kommentar von Christina Lück | 2014-Feb-24

Der Bericht hat mir sehr geholfen bei meinem Orang Utan Fachbericht :). sowas würde mich auch noch sehr Interessieren, nach meine Ausbildung als Tierpflegerin Orang Utans zu helfen.. aber glaube das ist nicht so leicht dort mal mit zu helfen :(

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