Mit der Natur arbeiten, anstatt gegen sie

Interview mit David Holmgren, Mitbegründer der Permakultur

David Holmgren

Wald, Pflanzen und Böden sind unsere Zukunft. Monokulturen in Land- und Forstwirtschaft und gedankenlose Städteplanung fügen unserer Erde unwiderruflichen Schaden zu. Wir können den Irrsinn unserer unkontrollierten Gier nach Wachstum entweder ignorieren oder uns für einen nachhaltigeren Lebenswandel entscheiden.

Permakultur ist "permanente Agrikultur". Ihr Ziel ist die harmonische Koexistenz von Mensch und Natur durch das bewusste Kreieren von produktiven Ökosystemen in der Landwirtschaft, die sich durch eine natürliche Vielfalt, Stabilität und Widerstandsfähigkeit auszeichnen.

Ein Gespräch darüber, wie wir Verantwortung für unsere Gegenwart und die Zukunft unserer Kinder übernehmen können.

Manuela & Carsten: Wann begann Permakultur?
David Holmgren: Bill Mollison und ich haben in den siebziger Jahren in Tasmanien begonnen, Permakultur als Konzept aufzuschreiben. Das war in einer Zeit, als die Welt sehr an nachhaltigen Lösungen interessiert war.

M&C: Was ist Permakultur und was sind die wichtigsten Voraussetzungen?
DH: Die Voraussetzung für Permakultur war, zu beobachten, wie die Natur funktioniert und wie moderne Landwirtschaft aussehen würde, wenn wir sie nach den Prinzipien der Natur kreiert hätten. Das war die Grundidee der Permakultur als eine permanente, eine nachhaltige Agrikultur. Permakultur ist eine Anleitung für nachhaltiges Leben und die nachhaltige Verwendung von Böden. Wir mussten komplett umdenken.

M&C: Ein Hauptprinzip ist, mit der Natur zu arbeiten anstatt gegen sie. Kannst du uns weitere grundlegende Prinzipien der Permakultur nennen?
DH: In der Natur gibt es unendlich viele Wege, Leben zu erschaffen. Der Mensch hatte in seiner jüngsten Vergangenheit, während der industriellen Revolution, genau den entgegengesetzten Ansatz. Er verfolgte das Prinzip, dass es nur einen besten und produktivsten Weg gibt, alles zu tun. So entstand in der Landwirtschaft die Monokultur: Eine Pflanze, eine Variante! Ein Grundgedanke von Permakultur ist also, dass wir bei allem, was wir tun, die Vielfalt in der Natur wertschätzen und sie uns zu Nutze machen sollten. Das drückt sich dadurch aus, dass bei der so genannten symbiotischen Landwirtschaft viele unterschiedliche Pflanzen gemeinsam auf engem Raum angebaut werden. Die Vielfalt machen wir uns aber auch bei der Energie- oder Wassergewinnung zu Nutze, sodass wir jeweils nicht nur von einem Versorgungssystem abhängig sind.
Dann nutzen wir eher integrierte Lösungen, als dass wir uns auf mehrere unabhängig von einander funktionierende Lösungen konzentrieren. In unserer industriellen Effizienzgesellschaft wird versucht, alles groß und schnell zu tun, in der Permakultur neigen wir dazu, die Dinge klein und langsam zu lösen.
Das Beobachten und das Interagieren mit der Natur ist fundamental, um zu lernen wie wir erfolgreich arbeiten können oder um kreativere Lösungen zu finden. Diese Informationen können nicht einfach nur erklärt oder durch unsere klassische Schulausbildung vermittelt werden. Durch unmittelbares Beobachten können wir den Bauplan der Natur ganz einfach als unseren Lehrer nutzen.
Das sind einige der 12 Designprinzipien, die der Permakultur zugrunde liegen. Wir betrachten diese aber als Denkanstöße, die auf einer tieferen Ebene von den ethischen Prinzipien der Nächstenliebe, des Schutzes unserer Erde und einer gerechten Verteilung von Ressourcen untermauert sind - diese sind uns sogar noch wichtiger.

M&C: Welchen Herausforderungen sieht sich die Menschheit gegenübergestellt?
DH: 90% aller Generationen, die auf diesem Planeten gelebt haben, waren Jäger und Sammler. Im Gegensatz dazu haben wir dieses kurze Erlebnis der Landwirtschaft und den noch kürzeren Augenblick der urbanisierten Gesellschaft. Dieses Experiment wäre ohne die Entdeckung von "antikem Sonnenlicht" in Form von Öl nie möglich gewesen. Was werden wir tun, wenn dieser Energiefluss abnimmt und nicht  mehr kontinuierlich ansteigt, wie wir das für viele Jahrzehnte gewohnt waren? Und wie gehen wir mit dem Einfluss und den Auswirkungen dieses andauernden Verbrauchs von Energie um? Diese Fragen deuten auf das Dilemma der Energieversorgung einer Industriegesellschaft durch Öl einerseits, und der dadurch immer größer werdenden Umweltbelastung andererseits hin. Zwei grundsätzliche Problem werden hier deutlich, der Klimawandel und "Peak Oil". Im Moment kommen beide zusammen und verursachen eine Vielzahl an Kettenreaktionen: Der Verlust von unbelasteter Muttererde, die Überbelastung von Wasser oder das katastrophale Artensterben. Aber das vielleicht problematischste Ereignis unserer Zeit ist die immer noch steigende Weltbevölkerung. Wir müssen uns heute bereits mit den überall spürbaren Konsequenzen auseinandersetzen und wir stehen an einem historischen Wendepunkt, der nicht nachdrücklich genug betont werden kann.

M&C: Was sind die negativen Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft?
DH:
Der übertriebene Gebrauch von Düngemitteln, der nur kurzfristig die Erträge erhöhte, führt zu einer massiven Verschmutzung des Grundwassers. Die Verwendung von giftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln reichert sich in unseren Nahrungsmitteln an und führt zu Konsequenzen, die wir nicht uneingeschränkt voraussehen können. Eine der jüngsten und dramatischen Auswirkungen ist der Einfluss von Chemikalien auf Honigbienen in Gegenden von intensiver Landwirtschaft. Das Syndrom, bei dem ganze Bienenkolonien verschwinden, ist noch nicht restlos geklärt, hat aber enorme Konsequenzen, da die Mehrzahl unserer landwirtschaftlichen Pflanzen von Bienen bestäubt wird.  
Da wir über soviel Energie verfügen, war es uns bis heute möglich, die allerschlimmsten Konsequenzen zu umgehen. Wir Menschen in den reichen Ländern hatten noch nie eine richtige Hungersnot oder haben unter Katastrophen gelitten, die beispielsweise durch die Verödung von Böden verursacht wurden. Ein Rückgang der Erträge konnte bis jetzt immer mit noch mehr Dünger, noch mehr Pestiziden oder noch mehr Produktion in anderen Teilen der Erde kompensiert werden. Als Grundlage für all diese Technologien verwenden wir enorme Mengen an fossilen Energien wie Öl oder Gas, um sie herzustellen. Das heißt, in vielen Fällen zeigt sich das wahre Problem erst, wenn weniger Energie zur Verfügung steht.
Wenn sich beispielsweise ein Bauer den ansteigenden Verbrauch von Nitrat-Dünger nicht mehr leisten kann, dann zeigt sich bald, dass der über die Jahre der intensiven Düngung verloren gegangene fruchtbare Mutterboden weniger Erträge liefert.

M&C: Subventionierte Landwirtschaft ist in vielen westlichen Ländern an der Tagesordnung. Was muss getan werden, um ökologische Trends zu unterstützen?
DH: Es gibt Dinge, die können über die Politik gelöst werden. Aber wirkliche Veränderungen in diesem Bereich kommen größtenteils durch Konsumenten, die sich dafür entschieden haben, die Umwelt, lokale Gemeinschaften und ökologische Landwirtschaft zu unterstützen. Zum einen, weil es ihrer Gesundheit gut tut und weil sie die Belastungen für die Umwelt reduzieren wollten. Sie wollten die Lebensmittel aus unserer industriellen Massenproduktion einfach nicht mehr kaufen.

M&C: In welchem Zusammenhang steht unser Glaube an unendliches Wachstum und die Zerstörung unserer Erde?
DH: Leider ist das kontinuierliche Wachstum unserer Wirtschaft sehr eng verwoben mit unserem Währungssystem. Das beinhaltet anhaltende Zinsen und ansteigendes Wachstum. Zu Beginn des Industriezeitalters konnten so die Grundbedürfnisse der Menschen gedeckt werden und es entstand noch nicht das Problem der künstlich geschaffenen Nachfrage. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde klar, dass in den reichen Ländern die Grundbedürfnisse bald gedeckt sein werden. So bekamen wir über die letzten 30 Jahre einen immer mehr an Momentum zunehmenden Konsumkapitalismus. Hier konnten grundlegende emotionale und innere menschliche Bedürfnisse nicht erfüllt werden, die dann immer häufiger durch den Konsum von immer mehr Waren und Dienstleistungen gedeckt wurden. Unterstützt von noch effektiveren Produktionstechniken entstand die ungezügelte Konsumgesellschaft, die wir heute kennen. Wir sind also zum einen in unseren psycho-sozialen Abhängigkeiten gefangen und zum anderen in der Notwendigkeit, dass unser Wirtschaftssystem kontinuierlich wachsen muss.
In seiner  Forschungsarbeit, "The Limits of Growth", hat der "Club of Rom" bereits in den siebziger Jahren darauf hingewiesen, dass jeder exponentielle Wachstumsprozess letztendlich auf eine Reihe von Grenzen stößt. Wir wissen, dass  unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist!

M&C: Also sind die künstlich geschaffene Nachfrage und der Massenkonsum die Schlüssel zu unseren Problemen. Worauf können wir beim Einkaufen achten?
DH: Der gesamte Wirtschaftskreislauf um uns herum ist mehr oder weniger für unseren Konsum entstanden. Ungefähr eine Milliarde Menschen aus der so genannten Mittelschicht sind der wahre Motor der globalen Zerstörung, mehr als die sehr reichen Mitbewohner auf der Erde. Diese Mittelschicht kann ihr Verhalten wählen, denn ihre Entscheidung ist nicht von extrem tradierten und inflexiblen autoritären oder institutionellen Strukturen abhängig. Wenn sie ihr Verhalten ändern, kann das einen großen Effekt haben. Nicht nur für ihre eigene oder für die Zukunft ihrer Kinder und Enkel, sondern auch für die der restlichen 5 Milliarden Menschen auf der Erde, die nicht die Hauptbegünstigten des globalen Wirtschaftssystems sind.

M&C: Weshalb ist Permakultur die Lösung zu so vielen aktuellen Problemen?
DH: An allererster Stelle konzentriert sich Permakultur darauf, wie wir unsere Lebensmittel produzieren und für weitere Grundbedürfnisse wie Wasser oder ein Dach über dem Kopf sorgen. Doch das erstgenannte ist viel problematischer, da das industrielle Herstellen und Verpacken, der Transport, die Verteilung, der Groß- und Einzelhandel und letztendlich das Anrichten von Lebensmitteln die größte Anfälligkeit bei zukünftigen Energieengpässen darstellt.
Von allen Bereichen unseres täglichen Lebens hat die gesamte Versorgungskette für Lebensmittel den größten Wasserverbrauch und den höchsten ökologischen Fußabdruck. Permakultur ist ein alternativer Weg, Landwirtschaft zu betreiben und die Lebensmittelproduktion wieder "nach Hause" zu bringen. Dorthin, wo die Menschen leben, und damit an den ökologischsten und Energie-effizientesten Platz von allen. Natürlich heißt das nicht, dass nun alle anfangen sollen, ihre eigenen Lebensmittel zu produzieren, sondern dass jeder wieder näher an der Erzeugerquelle sein sollte. Wir sollten aber nicht nur hinterfragen, wie weit weg wir von unseren Lebensmittelproduzenten wohnen, sonder auch wie nahe wir unseren Lebensmitteln emotional sind.
Konzepte wie die gemeinsam getragene Landwirtschaft, wo der Bauernhof vielen Anteilseignern gehört und der Ökobauer mehrere unterschiedliche Produkte erntet, um sie dann den Eigentümern zur Verfügung zu stellen, reflektieren die Prinzipien der Permakultur. Da die Eigentümer nicht jede Woche nur das Gleiche essen möchten, sondern eine Vielfalt an Produkten, wird der Ökobauer zur Polykultur veranlasst. Wobei im Gegensatz dazu ein zentral gesteuertes Marktsystem die Bauern zur Monokultur zwingt.

M&C: Ein beliebtes Argument gegen ökologische Landwirtschaft ist, dass man damit keine 7 Milliarden Menschen ernähren kann. Ist das wahr?
DH: Ich habe mich nie groß darum gekümmert, wie globale Probleme zu lösen sind, weil Permakultur sich eher damit beschäftigt, die Welt zu kreieren, die wir uns wünschen, als zu versuchen, gegen das zu sein, was wir nicht möchten.
Dass ein gültiges Beispiel immer wieder und überall als eine Lösung wiederholt werden kann, ist Teil der Mentalität, die unser Industriezeitalter sehr geprägt hat. Sie ist schlechtweg falsch. In der Zukunft haben wir viele verschiedene Wege die Dinge zu tun. Zum Beispiel werden 35% des globalen Getreideaufkommens (eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel) als Futter in der Massentierhaltung verwendet. Das ist eine komplett ineffiziente Praxis und wir sollten alle Tiermastanstalten weltweit schließen. Dadurch würden wir enorme Mengen an Getreide gewinnen, die wir als Lebensmittel verwenden könnten. Dann wird 17% des Getreides als Biotreibstoff für unsere Autos verwendet. Wenn wir in jeden Wagen zwei Leute setzen würden, hätten wir bereits mehr als die komplette Weltproduktion an Biotreibstoff eingespart. Große Flächen der fruchtbarsten Böden werden dazu verwendet, Baumwolle für unsere Kleider anzubauen. Hier werden riesige Mengen an Wasser und Chemikalien, Unmengen an Düngemitteln und hochwertiges Land in gutem moderatem Klima verwendet. Zumindest im Westen ist unser Bedarf an Kleidung für die nächsten 10 Jahre gedeckt, aber essen müssen wir mehr oder weniger jeden Tag. Wir könnten die meisten der Baumwollfelder einfach in Getreidefelder umfunktionieren.
In diesen wenigen Beispielen können wir sehen, dass unter Beachtung einiger Grundprinzipien eine bewusste Umorganisation große Kapazitäten freilegen würde. Das würde aber immer noch nicht das Problem der Überbevölkerung und von abnehmenden Ölvorkommen lösen. Wie viele Menschen der Planet letztendlich ernähren kann, sobald unsere fossilen Energiequellen verbraucht sind, ist eine sehr existentielle Frage, die wir noch nicht wirklich beantworten können. Alles, was wir wissen, ist, dass es beträchtlich weniger Menschen sein werden als heute auf der Erde existieren. Doch alles, was wir tun müssen, ist den Zeichen des Wandels zu folgen und zu akzeptieren, dass es ohne die in großen Mengen an industriell erzeugter Energie auch keine Massenproduktion oder Monokultur mehr geben wird. Wie wir sehen, hat die Methode der industriellen Landwirtschaft so oder so keine Zukunft.

M&C: Kann Permakultur auch in Städten betrieben werden?
DH: Es gibt Permakultur-Projekte in den ärmsten, aber auch in den reichsten und dicht besiedelten Ländern. Manche dieser Projekte sind in Städten wo die Einwohner ihre Gebäude verändern und anpassen, um neuen Anforderungen gewachsen zu sein wie beispielsweise der Wiederverwendung von Grauwasser für den Anbau von Kulturpflanzen auf Dachgärten. Es gibt bereits städtische Gemeinschaftsgärtnereien in unmittelbarer Nähe zu den Apartments, wo die Eigentümer leben. Ein Beispiel, das stark mit Permakultur assoziiert wird, ist das Anpflanzen von verschiedensten Kräutern oder Salaten in kleinen Beeten auf Balkonen. In Anbetracht der kleinen Nutzflächen, die den Menschen in der Stadt zur Verfügung stehen, ernten sie überraschend große Mengen. Dafür verwenden sie Methoden, die für große Flächen völlig unangebracht wären. Die Methode ändert sich also abhängig davon, wo man wohnt.
Auf der anderen Seite beschäftigt sich Permakultur neben der Produktion von Lebensgrundlagen auch damit, wie radikal wir den Verbrauch unserer Ressourcen reduzieren können. Ein Beispiel könnte die Wiederverwendung von weggeworfenen Produkten in unseren Städten sein. Permakultur beschäftigt sich nicht so sehr damit, wie neue Gebrauchsgegenstände hergestellt werden, sondern überwiegend damit, wie in Städten und sogar in ländlichen Gegenden diese Dinge kreativ wieder verwendet werden können. Zum Beispiel können alte Glasflaschen zur Aufbewahrung im Haushalt weiter benutzt werden. Diese kreative Nutzung ist sehr viel effektiver als unser Recyclingsystem, das zuerst alles aufbereiten und in seine Bestandteile zerlegen muss, um beispielsweise durch das Einschmelzen von Glasflaschen wieder eine Glasflasche herstellen zu können. Um so mehr wir unser Leben selbstbewusst und kritisch organisieren, umso mehr Dinge können wir kreativ gestalten. Doch wenn wir weiterhin nur unreflektiert alles neu kaufen, haben wir auch keine Verwendung für Gebrauchtes. Die kreative Wiederverwendung ist ein wichtiger Teil der Permakultur.

M&C: Wenn jemand seinen Lebensstil nachhaltiger gestalten wollen würde, was wäre deine Empfehlung?
DH: Zuerst muss die gesamte persönliche Lebenssituation dahingehend überprüft werden, was man dem System entnimmt und wieder zuführt: Woher kommen die Lebensmittel und das Wasser, wo kommt die verwendete Energie her und wohin geht das Abwasser oder der Abfall? Mit welchen Menschen stehen wir über welche Systeme in Verbindung? Wie hoch ist der Grad an Abhängigkeiten und Unabhängigkeit in unserem täglichen Leben? Wie stark sind wir durch unser monetäres System beeinflusst oder wie unterstützen wir eigentlich die nicht monetäre Ökonomie, also den gegenseitigen Austausch von Waren oder die Nachbarschaftshilfe? Was und wie viel beziehen wir direkt von Menschen, von kleinen Unternehmen oder global agierenden Konzernen? Indem wir diese Fragen ohne moralische Bewertung objektiv beantworten, können wir einen Schritt weitergehen, um unsere Abhängigkeit von komplexen und umweltbelastenden Systemen zu verringern und um gleichzeitig unseren Grad an Selbstversorgung zu erhöhen. Das wird unsere Beziehung zu anderen Menschen verbessern und gleichzeitig auch unseren Beitrag zur Umweltverschmutzung direkt und indirekt verringern.

M&C: Permakultur basiert überwiegend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Welche Rolle spielen die uralten Weisheiten unserer Ahnen, die seit Jahrtausenden Ackerbau betreiben?
DH: Ja, das ist wahr, ein großer Teil der Permakultur beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Agrikultur. Sie ist dennoch sehr viel mehr durch den holistischen Ansatz der Ökologie und weniger vom reduktionistischen Denken der konventionellen Wissenschaft beeinflusst, die alles in seine Bestandteile zerlegen muss. Permakultur ist aber auch stark vom traditionellen Wissen alter Kulturen geprägt, die seit Menschengedenken in Verbindung mit dem Land und dem Boden leben. Viel von diesem Wissen ist einfach nur gesunder Menschenverstand, der in diesen Kulturen oft noch angewendet wird und den wir größtenteils vergessen haben. Vieles in der Permakultur ist zwar gesunder Menschenverstand, der in unserer modernen Gesellschaft leider nicht mehr angewandt wird.  Eine wichtige Aufgabe der Permakultur ist also, dieses Wissen wieder in unser Bewusstsein zurückzuholen. Wir adaptieren auch schamlos Techniken von allen möglichen Kulturen, die bereits vor dem Aufkommen der Landwirtschaft mit der Erde verbunden waren und uns damit viele wichtige Botschaften bereithalten. Bezeichnend ist der grundlegende Gedanke, dass die Erde ein wertvoller lebender Organismus ist und dass alles ein eigenes Bewusstsein hat. Wenn wir also Teile dieses Organismus konsumieren, nehmen wir einen Teil dieser Existenz mit in uns auf. Alles ist geprägt von einem tiefen Respekt vor der Koexistenz und der gegenseitigen Verbundenheit aller Lebensformen. Dieses grundlegende Verständnis, wie alles miteinander verwoben ist, dass wir Menschen ein Teil der Erde sind, müssen wir wieder lernen. Die Menschheit hat deshalb überlebt, weil uns solche Gedanken geholfen haben, das Ökosystem Erde zu erhalten, von dem wir alle abhängig sind.

M&C: Du sagtest, dass wir wieder lernen müssen, dass alles miteinander verbunden ist. Wie können einzelne Menschen und die Gesellschaft als Ganzes wieder zur Natur zurückfinden?
DH: Am besten fangen wir mit unseren Kindern an. Wenn wir unser eigenes Gemüse anbauen, sollten wir die Kinder immer mit in den Garten nehmen. Sie nehmen alles in den Mund und entdecken somit ihre Umwelt. So entsteht über den Mund und den Magen schon früh eine Verbindung zu unseren Urinstinkten. In der Permakultur geht es um eine sehr bodenständige und praktische Verbindung zur Natur. Zu beobachten, wie sich die Jahreszeiten wiederholen und die Tatsache, dass wir sie nicht beschleunigen oder manipulieren können, sind wichtige Lernschritte. Wir leben in einer Welt, die so stark von Menschen beeinflusst ist, dass man glauben könnte, wir können alles manipulieren. Aber da täuschen wir uns (lacht).

M&C: Kannst du uns etwas über deine spirituelle Verbindung zum Land und zur Erde sagen?
DH: Mir fällt es schwer, mich selbst spirituell zu nennen. Ich komme aus einer Familie, die von Atheismus und wissenschaftlichem Rationalismus geprägt war, und so sehe ich mich selbst auch. Durch unser hoch entwickeltes rationales Verständnis von der Welt durch die Physik und Ökologie können wir den Sinn in der Spiritualität erkennen. Mir hat sich dieser Weg aber noch nicht eröffnet. In meiner Jugend war ich extrem rational, ich habe nicht an Intuition geglaubt. Später habe ich gelernt meiner Intuition zu vertrauen und ich denke, das ist eine Eingangstür in diese geheimnisvolle Welt. Vielleicht ist das mein spiritueller Weg.

M&C: Bist du gerne in der Natur?
DH: Die praktische und handfeste Arbeit im Garten war für mich immer schon ein wichtiger Ausgleich für das viele konzeptionelle und abstrakte Denken. Und dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, ist die schwierigste Aufgabe in unserer modernen Welt.

M&C: Hast du Hoffnung?
DH: Permakultur war immer schon von einem ziemlich düsteren Blick auf den Zustand des Planeten geprägt. Ich glaube aber, dass wir uns eher auf die Aufgaben konzentrieren sollten, die wir lösen können, und sie dann als persönlichen Beitrag sehen sollten, um die Welt positiv verändern zu können. Die meiste Hoffnung habe ich aber, weil einfache Ideen der Permakultur, die wir vor gar nicht allzu langer Zeit angestoßen haben, ohne Unterstützung von Behörden oder Unternehmen weltweit soviel Zuspruch finden. Alles ist organisch gewachsen. Und es gibt mir viel Hoffnung, dass Menschen ihren Lebensstil geändert haben und diese Erfahrung mit anderen teilen möchten. Damit haben sie einen positiven Einfluss auf unsere Zukunft. Diese Form von organischem Wandel kann auch in größerem Stil funktionieren, ohne dass enorme finanzielle oder politische Unterstützung dahinter steckt. Ich glaube, ein Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft ist möglich. Auch wenn wir nicht über Zauberkräfte verfügen, die die Realität von jetzt auf nachher ändern, haben wir doch alle Macht, uns selbst zu ändern. Menschen sind unter den richtigen Umständen extrem anpassungsfähig, und unser Verhalten kann sich sehr radikal und revolutionär ändern. Das gibt mir Hoffnung.

M&C: Gibt es noch irgendetwas, das du unseren Lesern sagen möchtest?
DH: Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen, ist ein Prozess, der beflügelt und der unser Leben lebenswerter macht. Sogar wenn wir in Schwierigkeiten geraten, die wir selbst verursacht haben, leben wir dadurch mit sehr viel mehr Tiefe. Ich ermutige alle, daran teilzunehmen!

Wir trafen David Holmgren und seine Lebensgefährtin Su Dennett am 24. März 2010 auf ihrer gemeinsamen Farm Melliodora in Hepburn Springs, Australien.

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