Lebe bescheiden!

Interview mit Yvon Chouinard, Bergsteiger, Surfer und Gründer von Patagonia Inc.

Interview mit Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia

Nicht Teil der Lösung zu sein bedeutet für Yvon Choinard Teil des Problems zu sein. Deshalb geht er mit gutem Beispiel voran und führt ein einfaches Leben, konsumiert nur das Nötigste und ist aktiver Umweltschützer.

Für seine Outdoor-Bekleidungsfirma Patagonia Inc. hat er eine klare Vision: hochwertige und nachhaltig hergestellte Produkte sollen helfen, eine lebenswerte Umwelt zu erhalten. Mit jährlich 1% des Umsatzes unterstützt er weltweit Aktivisten, die sich für den Naturschutz einsetzen. Als Berater für Konzerne wie Wal Mart verbreitet er die Erkenntnis, dass ökologische Verantworung nicht im Widerspruch zu ökonomischem Erfolg steht.

Ein Gespräch über sein erfülltes Leben, seine Werte und seine Hoffnungen.

Manuela & Carsten: In unserer westlichen Gesellschaft geht es viel um Status und materiellen Besitz und weniger um unsere Umwelt. Wohin führt uns das?
Yvon Chouinard: Unseren Planeten und unsere Umwelt zu schützen, steht bei den Menschen nur an Stelle 20 ihrer Prioritäten, und das ist ein großes Problem. Bevor wir etwas tun, um unseren Planeten zu retten, werden wir ersteinmal den Krieg im Irak schlichten, dann den Krieg in Afghanistan und dann kommt noch die Wirtschaft. Natur ist wirklich das letzte Thema, denn die Menschen sind immer daran, Symptome zu mildern. Deswegen kommen wir nie an die Wurzeln der Probleme. Wir machen bei den Symptomen halt. In der Tat sind all unsere aktuellen Kriege, Kriege um Ressourcen. Es geht um Öl, um Wasser, um Land oder Nahrung.
Eine einfache Lösung zu all diesen Problemen wäre, wenn wir aufhören würden, die Wälder abzuholzen, aber das will keiner tun. (lacht)

M&C: Sie sagten einmal: "Wir sind von Bewohnern der Erde zu Konsumenten der Erde geworden". Die Ressourcen verschwinden, der Konsum steigt. Unsere Werte sind: "Umso größer umso besser." Was können wir tun, um diesen Trend umzukehren?
Y.C.: Für mich persönlich ist die Lösung zu all meinen Problemen, einfacher zu leben. Man sollte das Handy und den Blackberry weglegen, den Computer ausschalten und die Zeit nutzen, um ein Handwerk zu erlernen. Ich denke, die Lösung, ist unser Leben zu vereinfachen. Der Weise besitzt nur das Nötigste.

M&C: Was könnte den aktuellen Konsumrausch ersetzen?
Y.C.: Die gesamte Wirtschaft und mit ihr unsere moderne Konsumgesellschaft basieren darauf, dass wir ständig konsumieren und wegwerfen. Das durchschnittliche Produkt, das wir im Laden kaufen, wird nach 90 Tagen schon wieder weggeworfen!
Diese Konsumgesellschaft wird von der Unsicherheit der Menschen getragen. Sie denken: “Wenn ich mir dieses neue Kleid kaufe, dann werde ich sicher schöner. Dann fühle ich mich auch besser." In Wirklichkeit verhält es sich aber anders. Du kannst dich nur besser fühlen, wenn du in etwas wirklich gut bist. Dann entwickelst du wahres Selbstvertrauen. Wenn du also etwas erlernst, statt zu versuchen, es im Laden zu kaufen.

M&C: Die Welt ist voll von Werbung, wir können ihr kaum entgehen. Da ist es schwer, all den schönen Produkten und vielen Verführungen zu widerstehen. Wie kann man da seine Kaufgewohnheiten ändern?
Y.C.: Naja, Patagonia verkauft Kleidung, und ich würde pleite gehen, wenn unsere ganzen Kunden sagen würden: "Nun höre ich auf zu konsumieren." Was wir unseren Kunden also sagen ist, dass sie nicht ein Paar Shorts zum Surfen brauchen, ein Paar zum Joggen, eines für den Strand und eines zum Tennisspielen. Kauft einfach ein Paar unserer Baggy Shorts, damit kannst du alles machen. Kauf dir Sachen, die du mehrfach verwenden kannst und bezahle etwas mehr für gute Qualität. Das hält dann ewig. Die Lösung zu unserer Konsumgesellschaft ist also, einfach weniger, aber dafür besser zu konsumieren.

M&C: Obwohl der Klimawandel bereits allgegenwärtig ist und täglich über 100 Arten aussterben, sind wir Menschen noch immer nicht bereit, unsere Gewohnheiten zu ändern. Woran liegt das, wie könnte man sie motivieren, aktiv zu werden?
Y.C.: Leider denken immernoch viele Leute, dass sie nicht das Problem sind, daher können sie auch nicht die Lösung sein. Sie denken, sie sind einfach nur ein unbedeutender Mensch und wenn sie ihr Leben etwas ändern, hat das keine Auswirkung. Von dieser Überzeugung müssen wir wegkommen! Wir alle sind das Problem, jeder einzelne von uns ist das Problem! Viele meiner Angestellten tragen immernoch Levis' Jeans, die nicht aus Bio-Baumwolle gefertigt sind, und auf dem Parkplatz stehen viele große Geländewagen. Aber die Menschen werden sich der Lage mehr und mehr bewusst und noch wichtiger, der Konsument hat mittlerweile die Wahl! Wenn Du weißt, daß eine Firma verantwortungsbewusster produziert als der Wettbewerb, der Preis aber der gleiche ist, dann kauf einfach das nachhaltigere Produkt.

M&C: Sie glauben also, dass jeder einzelne Mensche zählt und dass jeder etwas verändern kann?
Y.C.: Also ich habe das immer und immer wieder gesehen. Ja, der Einzelne kann einen großen Unterschied machen, und du kannst nachts gut schlafen! Du hast ein gutes Gefühl und weißt, du bist Teil der Lösung anstatt Teil des Problems. Das fühlt sich ziemlich gut an.

M&C: Glauben Sie, dass wir Menschen unseren Kontakt zur Natur und unseren Platz in ihr verloren haben?
Y.C.: Das ist vielleicht wirklich der Schlüssel zu all unseren Problemen. Wir sehen uns nicht mehr als Teil der Natur. Wir denken, wir stehen über der Natur, wir kontrollieren sie und wir müssen uns nicht mehr an die Gesetzte der Natur halten! Wir gehen gerade durch das 6. große Aussterben, und alle großen Säugetiere sind akut vom Aussterben bedroht. Und wir Menschen sind nichts anderes als große Säugetiere!

M&C: Sie beschreiben sich selbst als Pessimist, weil Sie denken, früher oder später haben wir unseren Planeten aufgebraucht. Auf der anderen Seite sagen Sie aber, wir müssen aktiv werden. Wie paßt das zusammen?
Y.C.: Das einzige, was wirklich gegen die Depression hilft, ist aktiv zu werden. Ich zum Besipiel bin ein sehr glücklicher Mensch, obwohl ich sehr pessimistisch bin, was die Zukunft unseres Planeten angeht. Aber das heisst noch lange nicht, dass ich aufhöre, es zu versuchen! Damit die Probleme weniger werden, musst Du was dagegen tun! Ich tue alles, was ich kann, auf meine Art und mit meinen Ressourcen.

M&C: Was kann jeder Einzelne tun?
Y.C.: Jeder hat andere Ressourcen. Wenn du ein Schriftsteller bist, solltest du schreiben um Menschen aufzuklären, und wenn du viel freie Zeit hast, dann arbeite freiwillig bei einer Organsisation, die Gutes tut. Wirklich jeder kann etwas tun!
Meine Ressource ist Patagonia, und diese Firma existiert nur, um einen positiven Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Unserer Wirtschaft geht es gerade sehr schlecht, aber unser Geschäft wuchs um ca. 9% im Vergleich zum Vorjahr. Patagonia geht es hervorragend (lacht). Alle anderen in unserer Branche sind in einem schrecklichen Zustand. Ich kann anderen Firmen zeigen, wie man in so einer Rezession gute Ergebnisse erzielt. Viele kommen schon und sagen: "Erzähl uns mehr über deine Firma, ich möchte wissen, was ihr anders macht. Wir möchten es auch so machen!" Also existieren wir auch, um anderen Firmen ein gutes Beispiel zu sein. Und es funktioniert gut!

M&C: Sie sagen, dass es wirklich manchmal lästig ist, ein nachhaltiges Leben zu führen. Warum tun Sie sich das alles an?
Y.C.: Ich denke wirklich, dass der meiste Schaden, der der Natur durch Firmen und einzelne Menschen zugefügt wird, unabsichtlich passiert. Das liegt daran, dass die Menschen nicht über ihre Lebensweise nachdenken. Ich möchte so nicht leben, also blind, ohne zu wissen, was ich tue. Und das versuchen wir auch hier bei Patagonia. Wir möchten herausfinden, was wir eigentlich tun und was die Auswirkungen davon sind?

M&C: Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?
Y.C.: Irgendwann haben wir angefangen, nachzudenken: "Was geht denn eigentlich in den Fertigungsprozess für Kleindung mit ein? Was für giftige Stoffe verwenden wir?" Wir sind rausgegangen und haben uns ein paar Baumwollfelder hier in Kalifornien angesehen. Ich habe herausgefunden, wie giftig der traditionelle Weg, Baumwolle herzustellen, eigentlich ist. Ich hatte ja keine Ahnung, es war unsäglich. Eine komplette Todeszone! Es gibt da nichts Lebendiges mehr auf den Feldern. Flugzeuge kreisten über unseren Köpfen, um Pestizide zu sprühen. Es bildeten sich Seen voller Gift, und dort sitzen Leute mit Pistolen, um die Vögel zu verscheuchen, damit sie nicht landen. Die wären sonst sofort verreckt. Ich habe dann gesagt: "Wenn ich das tun muss, dann möchte ich keine Geschäfte mehr machen!"

M&C: Also kommt es letztendlich darauf an, wieviel man weiß?
Y.C.: Wie der Tiefenökologe Arne Ness schon sagte: "Frag einfach immer weiter, bis Du an den Ursprung der Dinge kommst." So auch bei der Ernährung. Wenn man seiner Familie wirklich gesundes Essen geben möchte, dann kann man nicht einfach zum Supermarkt gehen und Gemüse kaufen. Manche der Nahrungsmittel kommen aus Mexico, wo man noch DDT verwendet. Man muss den Bauern kennen! Geht man öfter auf den Wochenmarkt, dann kennt man bald seinen Bauern oder seinen Metzger. Man weiß dann, wie sie arbeiten und ihre Lebensmittel erzeugen. Nur so kannst Du sicher sein, dass Deine Familie gesundes Essen bekommt! Jeder Konsument kann das gleiche tun.

M&C: Sind Sie spirituell?
Y.C.: Tiefenökologen glauben, dass ein Baum genauso viele Rechte hat wie ein Mensch. Wenn ich Fleisch esse, dann danke ich dem Tier dafür, dass es sein Leben gelassen hat, um mich zu ernähren. Wenn man anfängt, so zu denken, ändert das die Einstellung zur Natur. Es ist einfach Respekt vor der Natur und ich glaube wahrhaft, dass ich Teil der Natur bin.

M&C: Können Sie uns etwas über Ihr Projekt 1% for the Planet sagen?
Y.C.: In meiner Firma versuchen wir wirklich, den Schaden, den wir anrichten, zu minimieren. Aber im Endeffekt sind wir immer noch Verschmutzer, egal was wir tun. Wir verwenden immernoch einige nicht erneuerbare Ressourcen und verursachen dadurch Verschmutzung. Also finden wir, dass wir der Natur Wiedergutmachung schuldig sind. Also nehmen wir 1% unseres Umsatzes und geben es an nicht-staatliche Umweltorganisationen. Das sind insgesamt 3 Millionen Dollar, die wir pro Jahr verteilen. Das machen wir nun schon seit vielen Jahren. Also habe ich beschlossen, eine Organisation zu gründen, die andere Unternehmen ermutigen soll, das Gleiche zu tun. Diese Organisation heisst 1% for the Planet. Mittlerweile sind wir in über 30 Ländern und haben über eintausend Mitglieder. Ich habe übrigens etwas Interessantes entdeckt. Die 5 größten Unternehmen in dieser Organisation erleben alle gerade ihr bestes Geschäftsjahr seit 5 Jahren! Das muss doch Karma sein! (lacht)

M&C: Weshalb unterstützen Sie diese Organisationen?
Y.C.: Wenn man mal die Geschichte dieses Landes (USA) anschaut, sieht man, dass alle wirklichen Errungenschaften von Individuen und NGOs vollbracht wurden. Das sind die Menschen, die wirklich etwas bewegen! Von der Befreiung der Sklaven bis hin zu den Bürgerrechten. Man braucht nur täglich in die Zeitung zu schauen, alles was wirklich erreicht wird, geschieht dadurch, dass das Volk aufsteht! Und genau deshalb unterstützen wir diese Menschen. Es sind einzelne Personen wie Hausfrauen, die sich vor Bulldozer stellen. Oder diejenigen, die einfach darauf bestehen, dass Giftmüll in der Nähe ihrer Häuser endlich richtig entsorgt wird. Wir unterstützen Aktivisten und jährlich ca. 350 nicht-staatliche Hilfsorganisationen, ganz gleich, wer der Präsident ist.

M&C: Sie denken also, alle Macht gehört dem Volk?
Y.C.: Die Regierung wird nichts unternehmen, bis sie dazu gezwungen wird! Und genau das machen diese Organisationen, sie zwingen die Regierung, das Richtige zu tun. Wir werden es nicht ohne die Regierung schaffen, aber es beginnt immer mit dem Einzelnen und den nicht-staatlichen Hilfsorganisationen.

M&C: Was würden Sie unseren Lesern noch gerne mit auf den Weg geben?
Y.C.: Ich denke, die Lösung ist, unser Leben zu vereinfachen. Und ich denke, wir leben in einer sehr aufregenden Zeit. Ich werde wahrscheinlich die Revolution noch miterleben. Und diese Revolution wird mit der Landwirtschaft beginnen und sie wird von der Basis kommen. Wir brauchen nicht wirklich viel Kleidung, wir brauchen kein großes Haus, kein Auto oder so viele überflüssige Dinge. Wir brauchen etwas zu essen! Und Landwirtschaft kann uns den Weg aufzeigen. Dieser Weg ist die Rückkehr zur nachhaltigen Landwirtschaft.

Dieses Interview wurde am 23. Januar 2009 in Ventura, Kalifornien geführt.

Kommentare

Kommentar von Keller Heinz | 2011-Nov-20

Herr Chouinard ist ein Vordenker, der erkannt hat, dass dieser Planet ausgeraubt wird und wir am Ende selbst umkommen. Ich rate zwecks Umdenken zu dem Film "PLASTIC PLANET" vom deutschen Regisseur Werner Bode. siehe www. Dann fällt die Umstellung leichter.

Grüsse Heinz Keller

Dein Kommentar zum Interview

*
*
Bitte rechne 9 plus 2.*