Shetano schaut dem Licht entgegen

In Träumen, mythischen Erzählungen und dem Weisheitsschatz vieler Völker taucht das Pferd immer wieder als ein universelles Symbol für die Verwurzelung des Menschen im instinktiven Bereich seines Seins auf. Pferde sind ein Spiegel unserer Seele, unserer Realität. Ihre Aufmerksamkeit ist auf das Jetzt gerichtet, und sie agieren immer authentisch.

Pferde müssen sich hundertprozentig auf die Herden-Führerin oder den Herden-Führer verlassen können, in freier Wildbahn vertrauen sie dem Leittier ihr Leben an. Das Leittier führt die Herde, es führt sie aus der Gefahr. Es entscheidet und gibt die Richtung vor, instinktiv und authentisch. Authentisch bedeutet echt. Die Pferde gehen also hinsichtlich ihrer Sicherheit und ihrem Wohlergehen keine Kompromisse ein. Deshalb sind sie hochsensibel, was ihr Vertrauen und ihre Offenheit einem Menschen gegenüber angeht.

Pferde spüren jegliche Form von fehlender Übereinstimmung zwischen dem Gesagten und Getanen, zwischen dem vermittelten und dem tatsächlichen Gefühl, dem gegenwärtigen "Außen" und "Innen" eines Menschen! Die Pferde spüren dieses irritierende und nicht vertrauenswürdige Verhalten. Inkongruenz veranlasst sie zum Verweigern oder Desinteresse, Authentizität zum Vertrauen. Wer kennt nicht die Situation, in der wir eine "gute Miene zum bösen Spiel" aufsetzen. Wir präsentieren uns beispielsweise lächelnd, sind gleichzeitig aber verärgert, traurig oder wütend. Die Körpersprache und Energie, die dann unbewusst von einem ansteigenden Blutdruck oder angespannten Muskeln ausgehen, stimmen nicht mit dem vorgetäuschten "Glücksgefühl" der Person überein.

Wir Menschen sind oft seit früher Kinder- und Jugendzeit an eine Konditionierung der Inkongruenz gewöhnt, die, unabhängig davon, was wir wirklich wollten, dadurch entstand, dass wir uns aus lebensnotwendigen Gründen anpassen mussten. Wir haben uns so sehr an diese Verhaltensmuster gewöhnt, dass wir uns derer in unseren heutigen "erwachsenen" Beziehungen, in beruflichen Abhängigkeiten oder im sozialem Austausch nicht mehr bewusst sind.

Menschen gegenüber sind Pferde unvoreingenommen und haben keine versteckten Motive, wie das in zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst oder unbewusst oft der Fall ist. Dadurch geben uns die Tiere eine wert- und bedingungsfreie Rückmeldung, was ihr Feedback für uns so wertvoll macht. Durch das instinktive Verhalten der Pferde werden wir in solchen fragwürdigen Situationen nochmals veranlasst, genauer hinzusehen, um zu entdecken, was in uns und in diesem Moment wirklich passiert oder präsent ist.

Pferde können ein neutraler Spiegel unseres Selbst sein. Sobald wir erkannt haben, wer wir wirklich sind und was uns lenkt, können wir unserer inneren Führung folgen, die uns den Weg zu einem erfüllteren und glücklicheren Leben zeigt.

Ich stehe vor ihr und spüre auch mit geschlossenen Augen ihre grosse, warme Präsenz. Mein Bauch ist leicht angespannt und ich bin ganz hier, ihre Präsenz lässt keine Gedanken zu. Ich höre ihren Atem, ihr weiches Maul streift zart meine Hand und ich sehe in ihre grossen Augen, die die Weisheit vergangener Zeiten in sich zu tragen scheinen. Ich nehme ihre Aufmerksamkeit, ihre Offenheit, ihren starken Willen wahr und spüre, dass sie bereit ist, mir zu folgen...

Ich muss entscheiden und klar kommunizieren, allein ihretwillen, ich will sie nicht enttäuschen. Meine innere Haltung ist aufrecht und entschieden. Sie befähigt mich, bestärkt mich und fordert mich auf, mein Ziel zu verkörpern und ganz darin zu stehen, so dass sie mir im Vertrauen folgen kann...

Schweifen meine Aufmerksamkeit und mein Fokus ab oder glaube ich nicht wirklich an das, was ich von ihr verlange, geht mir mein Partner augenblicklich verloren, als würde das unsichtbare Band zwischen uns zerschnitten. Doch in den Momenten meiner totalen Präsenz und Authentizität vereint sich ihre und meine Energie zu einem unbeschreiblichen Gefühl der Partnerschaft, des Verständnisses, der Einheit zweier Körper, zweier Absichten…

Manuela Essig